Biebricher Schlosspark Führung

Informationen, Hintergründe, Anekdoten, Portaits, historische Bilder, zeitgenössische Lyrik, Klatsch,Tratsch, Politik, Zeichungen und Planwerke

Wandeln sie auf dem von uns ausgesuchten Stationen der englischen Parkanlage als etwa zweistündigen Weg von Nord nach Süd. Oder wählen sie eine eigene Route, und klicken sie auf ihrem Weg die jeweils passenden Frames mit historischen Informationen an. 

Ein interaktiver Parkplan via QR-Code ist derzeit in Arbeit. Die Aushängung der Schilder muss von der Schlossverwaltung noch genehmigt werden

Foto von Übersichtsplan/Schild am Nordeeingang

Start unserer hier vorgeschlagenen Tour ist der Nordeingang, und führt zum Schloss am Rheinufer.

Ein Eingang auf Abwegen

Situation Nordeingang und Umfeld
 

Das Gelände beim Nordeingang zum Biebricher Schloss wurde von Fürst Karl Nassau-Usingen als abschließender Teil der Parkanlage gekauft. Diese entwickelte sich von einem barocken Ziergarten, 1699 am Rheinufer mit einem Pavillon erbaut, zu einer Großanlage mit Wassergräben, Barockgarten und Orangerie. Ab 1744 rangierte das inzwischen zweiflüglige Residenz-Gebäude als Regierungssitz von Nassau-Usingen. 

 

Die grüne Zufahrt zu Schloss und Park von Wiesbaden war die „Dicke Allee“ mit ihren imposanten Kastanienbäumen. Sie begann kurz hinter dem Steinhaufen eines ritterlichen Anwesens aus dem 9. Jahrhundert. Erst als auch dieses Gelände gekauft und die Burg als Gartenhaus saniert war, schuf man den heutigen Nord-Eingang mit seiner Bebauung. 

 

Das Pfortenhaus und die zwei Wachhäuschen wurden aus rotem Mainsandstein erbaut. Die beiden hier stehenden hölzernen Pflanzbottiche mit hochherrschaftlichen Palmen sind dem klassizistischen Charakter der Residenz angepasst. Das Pförtnerhausgärtchen mit einer noch vorhandenen winzigen Rabatte aus Buchbäumchen spiegelt im Liliputformat den barocken Fürstensitz. 

Der Standort der Wachhäuschen war ursprünglich axial verschoben und bildete zum Pförtnerhaus einen rechten Winkel entsprechend der damaligen Straßenausrichtungen zum Zentralplatz von Mosbach. 
Von Wiesbaden aus führte der Weg nach dem Fischerort Biebrich am Rhein immer direkt durch den Kern von Mosbach. Wo heute eine untertunnelte Kreuzung lieg, war lange der „Herzogsplatz“. Märkte und Festet fanden hier statt. Heute zur Sackgasse und einem PKW-Stellplatz umgebaut, fließt der Verkehr nun durch Rathausstraße geradeaus, oder Äppelallee Richtung Schierstein. 

Schon durch die Anlegung einer Bahnstrecke um 1861 wurde das hauptsächlich von Mühlen, Landwirtschaft und Obstbau geprägte Mosbach stark verändert. Bis ins 19. Jahrhundert war der nördliche Eingang zum Schloss mit einem Bahnhofs-Park und Landgasthöfen auf idyllisch gestimmt. Mit der heute vierspurigen Äppelallee rauscht der Verkehr quasi über das ehemalige Zentrum vom Mosbach hinweg. Entsprechend heißt der Wiesbadener Stadtteil am Rhein heute nach dem am Ufer liegenden ehemaligen Fischerdorf: Biebrich. 

Das hinter dem Bahnhof Biebrich liegende Gebiet nennt man „Die Gibb“. Hier wohnten und arbeiteten viele Eisenbahnangestellte, Handwerker und es gab industrielle Kleinbetriebe. Legendär bis in die Nullerjahre die Gibber-Kerb mit ihrem Jahrmarktstreiben. Nach Norden ist dieses Quartier inzwischen auch von der Autobahn A66 abgeriegelt.
https://wiesbaden.virtualcitymap.de/#/ 

Auf dem eigentlichen „Mosberg“ an der Biebricher Allee liegt die Sektfirma Henkell. 1907 baute man das imposante Art Deco Gebäude in einen ehemaligen Steinbuch, der fast bis zum Biebricher Wasserturm reichte. Gegenüber die Richard-Wagner-Anlage und das sogenannte „Landesdenkmal“ und ein Areal aus Gründerzeitvillen, die den noblem Bereich oberhalb der Gibb ausmachen. 


Doch zurück zum nördlichen Parkeingang. Als erstes architektonisches Highlight nach dem Nord-Entree erwartet den Besucher die romantische Mosburg mit seinem Weiher. Der Teich war, wie das ganze Parkareal, nach Entwürfen vom renommierten Münchner Gartenbaumeister Ludwig von Skell ab 1817 in einen Englischen Park umgestaltet worden. Den Aushub für den künstlichen Mosburgteich ließ dieser zu einer kleinen Hügellandschaft formen. Optisch von waldigem Antlitz ist diese Bepflanzung auch heute eine grüne Barriere gegen den Lärm und Dreck der Äppelallee.  

Um 1744 konnte man über die von winzigen Häuschen eingefasste Mosbacher Hauptstraße (heute Am Schlosspark) zum Schloss am Rhein gelangen. Holpereffekte und Staub inklusive. Oder man fuhr über die teils gepflasterte „Dicke Allee“ mit ihren Kastanienbäumen. Gelangte man dann an die Schlossmauer, öffnete sich ein schmiedeeiserneres Portal, man überquerte via Brücke einen Wassergraben. Als „Bellevue“ des Barockgartens fungierte das Halbrund einer Rokoko-Orangerie, von der aber nur ein Flügel fertig gebaut wurde. Vom Charakter war das Nassauische Schloss im 18. Jahrhundert eine Art Klein-Versailles. 

Der Schlosspark ist bei seinem Nord-Eingang eine Epochen-Mischung, die man in vielen romantisierten Barockparks ehemals mittlerer Residenzen in Deutschland und Europa antrifft, denen vor allem die Epoche der zwei Weltkriege zugesetzt haben. Mit dem allmählich fortschreitenden Parkpflegewerk beginnen in Biebrich aber alte Wunden zu verheilen, gemäß dem alten englischen Sprichwort, was zu tun sein, um einen wirklich schönen Park zu erhalten: Oh, man muss ihn nur ein paar Jahrhunderte lang aufmerksam pflegen! 

Marginalien 1

Das Biebricher Schloss hatte immer prominente Besucher. Gegenüber von Mainz gelegen und zu Füßen der Taunuskurorte war man geographisch ein idealer Zwischenstopp. Vor allem adligen Ehrengäste sorgten für Aufsehen. Meist erreichten sie mit dem Schiff, oder später dann über die Eisenbahn an. An glanzvollsten war sicher das Anlanden vom Habsburger Kaiser Franz II. 1863. Mit der Herzoglichen Yacht holte man den Monarchen in Mainz nach seiner Truppenbesichtigung dort ab. Volksjubel, ein kleiner Imbiss mit Herzog Adolph, und dann ging es tags drauf schon weiter.

  •  Einen besonders kurzen Aufenthalt absolvierte kurz nach seiner Inthronisierung König Ludwig II. im 1865. An sich weilte Ludwig in Schlangenbad, wo wieder etliche Majestäten aus Russland, Preussen und Frankreich den Sommer verbrachten. Nach einem Abstecher von dort nach Köln, wo der "Kini" sich den dortigen Dom ansah, war ein Aufenthalt in Schloss Bierbrich ausgemacht. Die Hofherren um Flügeladjutant Otto von Dungern warteten mit einem roten Teppich vor den Waggons auf. Doch entstieg Ludwig rußgeschwärzt der Lokomotive. Ob es Technikinteresse des Bayern war wie man so eine Lok als Heizer mit nacktem Oberkörper in Schwung hielt? In jedem Fall musste der Kini erstmal ins Hotel Bellevue am Rheinufer verbracht und umgekleidet werden, damit man ihn im Schlossrondell huldigen konnte. 

Früher "Nassauer Hof"( 1880). Heute Gasthaus Athen (2020)

Begrüßungs-Poem 1844, Quelle: Original Privatdruck in Mappe Haus Nassau Landesbibliothek Wiesbaden
Youtube: https://youtu.be/q2KSV2XhXmE 

Aus dem Hause Romanow und Baden:  Elisabethvon Nassau als Verlobte 1843 (Gemälde  von Woldermar Hau)

https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Michailowna_Romanow

Strecke 1

Mit AHA rund um den Mosburgsee

Vom Nordausgang kommend zweigt sich am Ufer des Moosburgteichs der Weg auf. Links führt er direkt zur in Sanierung befindlichen Ruine. Spannender ist es erst eine Runde um den See zu machen. Auf dieser Strecke entfaltet der Gartenbauer Sckell das, was er als das Prinzip des „AHA“ bezeichnet. Dem Blick des Spaziergehenden soll sich eine dramaturgische Vielfalt der Natur bieten mit stillen Ansichten, aber auch mit Stellen, wo er einen „AHA-Effekt“ hat. 
Bild oben: Ausriss aus Gartenplanung gezeichnet von Wolz 

Friedrich Ludwig Sckell 1750-1828
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ludwig_von_Sckell

Dient die stark bepflanzte Hügellandschaft der grünen Erquickung („Die Hügel bilden eine Kraftformen der Natur, mit denen sie die Eintönigkeit unterbricht“/Sckell), so stellt sich doch wenige Meter weiter ein Blick auf den See ein. Und damit zur Moosburg. Sehr genau hatte Sckell eine Bepflanzung des Teichs mit Trauerweiden entworfen. Das Geäst senkt sich malerisch gen Wasser und bildet ansprechende Blickachsen. Gerne lagern hier die von Wilhelm Grimm 1834 bewunderten „Astachischen Gänse“ am Ufer. Eine umfasste Absenkung vor einer Wiese diente zum Wasser kleinerer Ruderboote. 

Bild: Zeichnung der Blickachsen, Quelle: Parkpflegewerk 

Zu den kleinen Ahas zählen im Park die artifiziell verbogenen Korkenzieherweiden, schmiedeeisernen Brückengeländer und fürs Ohr im Seeablauf das Plätschern über Wehre und kleine Steinhaufen. Die individuell verdrehten Weiden dienen übrigens nicht nur der Optik, sondern befestigen mit ihren Wurzeln das Ufer. 


Foto: Retro-Stich von 1880 mit See, Mosburg und Hauptkirche. 

Aus den Baumschatten des Weidenwäldchens (s.o.), und über eine Brücke tretend bietet sich links hin ein neuer Blick über den Teich. Rechts aber öffnet sich in die Weite und Tiefe die „Große Wiese“. Gartenfreunde aus dem Barock wären geschockt: Man sieht ja gar nichts! Nur ungemähtes Gras! Das Element der „Wiese“ (in Gegensatz zu "Rasen") als Teil eines Parks entwickelte sich Anfang 18. Jahrhunderts in England auf den Landsitzen. Wichtig an der Gartenwiese ist eine anmutige Einrahmung durch Bäume und Gehölz. Und natürlich gibt es etwas zu sehen, oder vielmehr zu ahnen: Das Schloss! Es liegt und lockt in weiter Ferne. Und, das ist ein gartenarchitektonischer Kniff, schein erhöht zu liegen wie ein „Bellevue“. Was in Wirklichkeit ein Gefälle zum Rheinufer ist, erscheint an diesem Standpunkt als sanfte Erhöhung. Die planvoll modellierte Wiese machts möglich (s.u.)
Fotos: Kathrin Schwedler 2020

Immer wieder auf Postkartenfotos abgebildet ist die sogenannte "Dicke Allee". 

Immer wieder auf Postkartenfotos abgebildet ist die sogenannte "Dicke Allee". Entstanden war sie um 1712 als symmetrische Zufahrt zu der von einer Mauer mit Wassergraben umfassten barocken Schlossanlage. Auf Wunsch von Herzog Wilhelm sollte dieser Zufahrtsweg bei der ab 1817 beginnende Umwandlung in einen Englischen Park erhalten werden. Sckell entwarf einen Gesamtplan, bei dem gewissermaßen vier Untergärten entstanden. Von Norden das Areal mit Burg und Teich. Dann die lange Passage von Allee, Wiese und Seitenstreifen. Das Küchengartengelände im Westen vom Schloss wurde mit einem Weiher und Gehölz zum Wäldchen. Die gezirkelten Pflanzenarrangements wurden entfernt und durch mäandernde Buscharrangements auch rund um die zwei Kaskaden und die Große Fontaine ersetzt. Die Dicke Allee endet dadurch abrupt in einem Wäldchen. 

Als Wegrahmen wurden die vorhandenen prächtigen Kastanienbäume verwendet. Ab dem zwanzigsten Jahrhundert kam eine Mischung mit schnellwüchsigen Esskastanien dazu. Die um die Jahrhundertwende mächtigen Bäume, deren Schatten die Damen und Herren bei Sonntagsspaziergängen in festlichem Ausgehstaat zu schätzen wussten, müssen altersbedingt immer wieder ausgetauscht werden. Ein Teil der erfolgten Sanierung ist übrigens, dass jetzt wieder historisierende Sitzbänke zum Rasten einladen. Die Seitenstützen sind aus Gusseisen und imitieren dicke Äste. 

Statt eines direkten Blicks von der Allee auf die Große Wiese, hat Sckell einen Grünstreifen aus Bäumen und Gehölz als Sichtschutz angelegt. Nur einigen Stellen sind sogenannte „Fenster“ ohne Bepflanzung. Dort tut sich ein Durchblick über die Wiese zur gegenüber liegenden Randbepflanzung vom Nachtigallenweg auf. 

Foto: AK Die dicke Allee, 1905

Skizze Sckell Gesamtplan 1817, Quelle: Parkpflegewerk, 1987


Foto oben: Zeichnung Der Zischel von Ludwig Sckell, ca. 1817

Gerne als romantisches AHA im Park gesehen wird, wenn Wasser sich über Gesteine ergießt. Statt der barocken Wasserspiele mit dem dazu gehörigen technischen Aufwand weist der englische Garten Stellen mit erquickender und optisch naturnaher Architektur auf. Wenn man von der Dicken Allee links den Weg zur Mosburg aufsucht, geht man über eine Brücke. Unter der befindet sich derzeit eine Mulde mit Gras. Ein blaues Hinweisschild zeigt, was projektiert wurde: „Die Kaskade“. Auf der Zeichnung von Sckell ist ein einstufiger Wasserfall von Felsbrocken umrahmt zu sehen. Gefüllt wurde diese auch „Zischel“ genannte Konstruktion vom Mosbach. Damit genügend Wasser vorhanden war, wurde eine Staustufe in dem im Gehölz verborgenen Kanal eingebaut. Aber der Zufluss, der ja auch den Burgsee und noch einen Brandteich bei der Oekonomie bespeisen musste, reichte offenbar nicht wirklich. Letzter Zeuge dieser Kaskaden-Idee ist eine etwa zweihundert Jahre alte Zeder, die als Solitär darauf wartet, dass die im Rahmen der Schlosspark-Renovierung geplante Neubewässerung realisiert wird. So eine Zeder hat ja Zeit. 

Wer einen „Zischel“ in Wiesbaden sehen möchte, der kann im Dambachtal beim Freseniusdenkmal dieses Parkelement erleben. Auch im Nerothal sind kleine Kaskaden inszeniert.

Foto unten: Postkarte Dambachtal ca. 1905




Marginalien 2

Clemes Brentano (1778-1842) an seine Frau Sophie 
 

Wiesbaden Donnerstag den [22.] August 1805. 


Gestern Abend war ich eine Stunde von hier zu Biberich der Usingischen Residenz. Der Rhein, der Himmel, das Schloss, alles hat mich innig erquickt.(.) 

Der Schlosspark, der ehedem von beschnittenen Alleen und Baumwänden im härtesten französischen Geschmack starrte, ist jetzt mit allerlei englischen Schwärmereien vermischt, und macht mir einen unendlich romantischen Eindruck. 

 




Seit den späten Siebzigern herrscht Trockenheit statt munteres Bauchrauschen neben der Moosburg. Im 

Rahmen der Wiederherstellung vom Park ist angedacht, dass hier wieder eine einstufige Kaskade entsteht. 

Foto oben: Kanalführung vom Mosbach unter dem Pfortenhaus Nordeingang hindurch.

Kleiner Clip aus dem Gebüsch des Biebricher Schlossparks Nähe Oekonomie zum Thema Wasserzuleitung Teiche und Bäche. 

https://youtu.be/sSmG3-fTJJ4


Wenn man die einzenen Stufen des Biebricher Schloss Parks rekonstrurieren will, dann ist das durchaus schwer. Für das "Parkpflegewerk" von 1987, bei der es darum geht fest zu legen in welcher Form der Park wieder hergestellt werden soll, hat man jahrelang über den Stichen, Zeichnungen und Entwürfen zum Gelände gesessen. Hätte Sckell seine Umgestaltung zum Landschaftspark nicht per Brief aus München geleitet, wo  er den dortigen Englischen Park realisierte, dann hätte man aus dieser

Zeit kaum mehr Zeugnisse als aus der barocken Phase um Baumeister Welsch.(Bild links)

Die großen mehrfabrigen Übersichtspläne, die derzeit im Park aufgestellt sind (Bild oben) entsprechen in einigen Punkten noch nicht dem Stand der geplanten Dinge. So kann man weder den Brandteich mit Zischel auffinden, noch die Fasanerie. Beruhend auf dem  Pflegewerk wird sogar in  

In einer Rekonstruktionszeichnung  sogar der Vorschlag dargestellt, den Reitturnierplatz wieder in den sogenannten "Prinzessinnenteich" rück zu verwandeln.
Dass die riesigen Glashäuser mit ihren tropischen  

Gewächsen wieder auferstehen ist nicht angedacht

Diese gingen samt Pflanzen bekanntlich 1868 nach Frankfurt, um den Grundstock des dortigen Palmengartens zu bilden. Wer auf Exotik in Biebrich hofft, muss bei der Neuen Orangerie und dem Ananashaus von 1844 vorbeischauen. Letzteres sollte eigentlich 2020 saniert werden.

Station 2

Die goldene Ritterzeit

Schreibt man das nun mit einem "o", oder mit zweien? Was die Schreibweise der Moosburg/Mosburg angeht, ist es mal so, mal so. Geprochen aber mit langem "o" wie in Moos.
Zur Entstehung der ab 1806 ausgeführten künstlichen Ruine ist die Quellenlage nach wie vor schwierig. Friedrich August von Nassau jedenfalls erwarb einen "Gutshof", der als "Penzenau" bezeichnet wurde, nach dem Namen der letztmaligen Besitzer. Inwieweit das Gemäuer eine Ritterburg war, wie vor allem die Ausstattung des Eingangsbreichs mit zwei Grabplatten suggerierte, bleibt dahin gestellt. Wie man hier unten in einer Skizze aus dem 19. Jahrhundert sieht, hat jeder so seine Phantasie zu der Location gehabt. 

War die Mosburg ein Turm?


Selbst ein Burggarten im Renaissance-Stil wurde für den Neubau in Erwägung gezogen. Aber Gartenbauarchitekt Sckell war sich mit seinem Auftraggeber einig, dass der "romantische" Charakter des Ortes im Vordergrund stehen sollte. Das mit Möbeln und Gegenständen vor allem aus dem requirierten Kloster Eberbach ausgestattete Anwesen konnte überdies als Event-Location genutzt werden. Als 1842 Elisabeth von Nassau-Wied (Enkelin von Wilhelm I.) auf Schloss Biebrich heiratete, lud man zu einem mittelalterlich inspirierten Fest in die Mosburg. 

Nach der Verlegung der Residenz von Nassau in das neue Schloss in Wiesbaden, verlor auch die Moosburg ihre Bedeutung für das Fürstenhaus. Es war daher kein Problem dem Bildhauer Emil Hopfgarten ab 1848 diese Räume als Büro und Werkstadt zu überlassen. Herzog Adolph übertrug dem umtriebigen jungen Künstler, der in Berlin und Rom studierte die Ausführung des Sarkophags für die 1845 im Kindbett verstorbene Elisabeth von Nassau. 

Exkurs zu Emil Hopfgarten in Wiesbaden unter der Galerie Bilder zur Mosburg.

Moosburg ca. 1850

Die Moosburg, Gemälde ca. 1930, Scheidemantel

Die Moosburg ca. 1880

Die Moosburg ca. 1863

Emil Hopfgarten in Wiesbaden

Dem Marmor Leben einhauchen

Eröffnung "200 Jahre Hopfgarten" in der Kunst-Arche Wiesbaden (Juni 2021)
Von Kathrin Schwedler

Wer Wiesbaden kennt, kennt Emil Alexander Hopfgarten. Denn mit dem Sarkophag der Herzogin Elisabeth und der Statuen-Formation Christus und die vier Evangelisten in der Marktkirche ist der aus Berlin gebürtige Künstler der Erschaffer von ikonographischen Motiven, für die die Hessische Landeshauptstadt international bekannt ist. 

Der Sohn eines Erzgießers wurde 1821 geboren. Sein Weg sollte ihn aber zum Werkstoff Marmor führen. Nach Studien in entsprechenden seinerzeit ästhetisch führenden Werkstätten in der Spreestadt, zog es Hopfgarten zu Berthel Thorvaldsen nach Rom. Der Däne war der Topstar seiner Zeit in Sachen Statuen. In der damals sehr lebendigen deutschsprachigen Künstlerkolonie am Arno, setzte man sich intensiv mit der Antike auseinander. Durch den Kunsthistoriker Johann Winckelmann wurde die „weiße Klassik“ zum Kanon einer ganzen Generation von Bildhauern. In der italienischen Metropole ging es aber nicht nur um Arbeit. Der lebendige Vortrag der Ausstellungskuratorin und Vorsitzender der Kunst-Arche, Felicitas Reusch, sprudelte vor Anekdoten aus dem „Party“-Treiben um Hopfgarten. Man verkleidete sich mit Laken und Mehl im Gesicht als hellenistische Götter. In Kladden aus Zeichnungen, Skizzen und Aquarellen dokumentierten die angehenden Meister ihr künstlerisches Tun. Als Fundgrube erwies sich die noch heute erhaltene Buchsammlung der Akademie inklusiver der Aufzeichnungen, wann er sich welche Bücher ausgeliehen hat. Reusch vermutete daher, Hopfgarten habe weder Lateinisch noch Griechisch gesprochen, denn er benutzte deutsche Übersetzungen bei antiken Autoren. Dafür schmökerte er auf Französisch die Memoiren des Casanovas. 

Wahrscheinlich durch eine notwendige Kur seiner Gattin kam Hopfgarten nach Wiesbaden. Inzwischen hatte er schon den Ruf erworben, dass er Menschenportraits besonders eindringlich umzusetzen wusste. Büsten und Reliefs von Zeitgenossen wurden wirtschaftlich seine Zugpferde. Dieser Posten war in Berlin schon mit Christian Daniel Rauch prominent belegt. Daher war es sicher nicht falsch der Einladung Hofbildhauer am Nassauischen Hof zu werden. Herzog Adolph stellte Hopfgarten sogar die neo-romantisch ausgestattete Mosburg als Atelier zur Verfügung. Das Netzwerk des herzoglichen Hauses reichte bekanntlich bis an den kunstsinnigen Hof Baden, und durch die Heirat von Adolphs Schwester Henriette mit dem Kunstsammler Erzherzog Karl an den Kaiserhof nach Wien. 

Durch den Auftrag den Sarkophag der blutjung verstorbenen russischen Prinzessin Elisabeth zu erstellen, der man als Memorial die „Griechische Kapelle“ zu errichten gedachte, kam es offenbar auch zu Kontakten mit dem Zarenreich. Reusch konnte durch Rechnungen Aufträge für Portraits der Zarin nachweisen. Die bestellten Statuen aber blieben unauffindbar. 

Aus dem Aspekt macht eine Foto-Ausstellung der Werke in der Kunst-Arche doppelt Sinn. Die meisten der Hopfgarten-Skulpturen müssen als verschollen in Privatbesitz erachtet werden. Daher wird ein Foto mit zwei Statuen aus dem Jahre 1931 im Marmorpalais Berlin Charlottenburg ausgenommen zum wertvollen Dokument. 

Als Hopfgarten 1856 von Krankheiten gezeichnet starb, hatte er grade damit angefangen die Kolossalgruppe für die neue Naussauische Landeskirche am Wiesbadener Markt zu planen und Vorlagen als Modelle her zu stellen. Die imposanten fünf Figuren (Christus und die vier Evangelisten) folgten im Arrangement der einflussreichen Skulpturengruppe der Frauenkirche zu Kopenhagen, die Thorvaldsen geschaffen hatte. Statt einen leidenden Jesus wir dort zu schaffen, blickt einen ein segnender Christus mit vier sich gestisch auf ihn und die christliche Botschaft beziehenden Gottessohn in Wiesbaden an. 

Durch den Kurzvortrag von Werner R. Behrendt, einem Experten für die Historie zu künstlerischen Grabmälern auf Wiesbadener Friedhöfen, erhielt man Einblicke zu handwerklichen Aspekten der Bildhauerei. Hopfgartens Pläne wurden mit Sicherheit von Scipione Jardella ausgeführt. Der Mann hatte den Marmor in Carrara mit Hopfgarten selbst im Steinbruch ausgesucht. Quelle dazu waren wieder erhaltene Rechnungen zu seinen einzelnen Arbeitsleistungen. 

Damit jenseits der bis Ende Juli dauernden Ausstellung das recherchierte Wissen erhalten bleibt, gibt es einen bilderreichen Ausstellungskatalog  (Reichert Verlag, Wiesb.). Es enthält auch ein Werkverzeichnis auf dem Stand von 2021. Wenn der Name des Wiesbadener Bildhauers wieder mehr im Glanz erscheint, lassen sich vielleicht noch Exemplare seines vielseitigen Schaffens aufstöbern. 

Emil Hopfgarten als Student von Professor Throwaldsen in Rom

Sarkophag der Herzogin Elisabeth von Nassau in der Griechischen Kapelle

Relief der Herzogin Pauline von Nassau (Wiesbadener Frauenmuseum)
Foto: Reichert Verlag

Entwurfs-Figurinen der Kolossalstatuen Christus und die Evangelisten in der Marktkirche Wiesbaden 1853 

Figurette von Herzog Adolph
Mit diesem Portait schuf Hopfgarten die Blaupause für alle späteren Ehrendenkmäler des Nassauischen Fürsten
Foto: Reichert Verlag

Grabmahl von Emil Hopfgarten auf dem Friedhof Biebrich

Hermes mit seiner Erfindung der Leier 1844
Foto: Reichert Verlag

Katalog und Werkverzeichnis Emil Hopfgarten
Reusch/Klee/Behrendt
Reichert Verlag 2021

 

Zeitgenössischer Nekrolog zum Tod von Hopfgarten mit Beschreibung des Ateliers in der Moosburg 
Künstlerische  Blätter Berlin 1856

  

  Nicht ohne ein tieswehmüthiges Gefühl nehmen wir die Feder,
  um vor dem Leser dieser Zeilen das Lebensbild eines Künstlers ab-
  zurollen, der in der Fülle männlicher Kraft mitten aus dem Kreise
  reichster Thätigkeit durch den Tod hinweggerafft wurde. In ge-
  rechtem Schmerze klagen die theuren Hinterbliebenen, aber auch die
  Kunst steht traurend an dem jungen Rasenhügel, der sich ferne von
  der heimathlichen Wiege an den Ufern des Rheins über die sterbli-
  chen Reste eines edlen und hochbegabten Künstlers erhebt.
  
  Emil Alexander Hopfgarten wurde den 3. April 1821
  zu Berlin geboren. Sein Vater war der im Jahre 1844 gestorbene
  Erzgießer und akademische Künstler Johann Ludwig Heinrich Hopf-
  garten, dem der Ruhm gebührt, der erste deutsche Erzgießer geweseu
  zu sein. Um das Gedächtnis; an diesen wackern Vorkämpfer eines
  bis dahin in so großen Verhältnissen noch unversuchten Knnstzweigs
  ehrend auszusrischen, erwähnen wir der bedeutenderen Leistungen
  desselben, indem wir an die Statue des Hermann Franke, des Grün-
  ders des hallischen Waisenhauses, so wie an den sehr gelungenen
  Bronzeguß einer Viktoria (nach einem Novelle Meister Rauch's)
  erinnern.
  
  Die Hantierung des Vaters sollte auch die des Sohnes wer-
  den, zu welchem Zwecke der letztere sowohl in der Koni gl. Erzgießerei,
  als auch in der Werkstatt des Vaters beschäftigt wurde. Den Mo-
  dellirunterricht übernahm der Bildhauer Professor Ludwig Wich-
  mann, in dessen Atelier jedoch der schlummernde Funke des jugend-
  lichen Talents mächtig angefacht wurde und der Entschluß, sich der
  höhern Kunst zu widmen, zur vollen Reife gedieh. Selbst die ern-
  stesten Vorstellungen des Vaters, welcher den Sohn in sein mit
  Müh und Opfern gegründetes Geschäft als in ein sicheres Erbe ein-
  zusetzen gedachte, vermochten den mächtigen Drang nicht zu bekämpfen,
  und der fiebenzehnjährige Jüngling besuchte von nun an regelmäßig
  die k. Akademie, so wie das Atelier seines vortrefflichen Lehrers
  Prof. Wichmann. Nachdem Emil Alex. Hopfgarten zwei Jahre hin-
  durch mit ernstestem Fleiße seinen Studien obgelegen und Proben
  der nöthigen Reife gezeigt, widerstand er dem Sehnen nach der
  Heimath der Kunst nicht länger und wanderte im Frühling des
  Jahres 1840 nach Rom, wo ihm verwandtschaftliche Beziehungen
  eine angenehme Existenz in Aussicht stellten. Im Hause seines dort
  ansäßigen Oheims, des vielbekannten Bronzegießers Hopfgarten,
  herzlichst ausgenommen, umgeben von den begeisternden Vorbildern
  einer großen Vergangenheit, im freundlichsten Verkehr mit den be-
  deutendsten Künstlern der Gegenwart, — wahrlich, unter solchen
  glücklichen Verhältnissen, nicht getrübt durch die erschlaffenden Sor-
  gen der Existenz, mußte ein Talent, wie das unseres Hopfgarten,
  sich in voller Blüthe entfalten. Und so geschah es auch.
  
  Im Atelier des Bildhauers Emil Wolf schuf er sein erstes
  größeres und seinen Ruf begründendes Werk: das lebensgroße Mo-
  dell eines „Merkur, welcher die Leier erfindet." Se. M. der König
  Friedrich Wilhelm IV. befahl die Ausführung desselben in Marmor
  und auf der Kunstausstellung in Berlin, wohin der Künstler die
  vollendete Statue von Rom aus sandte, erfreute sich dieselbe des
  ungetheiltesten Beifalls. In einem der Königl. Schlösser zu Pots-
  dam fand dies Werk einen würdigen Platz. — Nach Vollendung
  mehrerer in Marmor ausgeführter Portraitbüsten und des Ghps-
  modells einer „Winzerinn" eilte Hopfgarten nach vierjährigem Ver-
  weilen in Rom nach der Heimath zurück, wo er sich im Frühling
  1845 vermählte. Dem zur vollen Reife entwickelten Künstler konnte
  es nicht an Anerkennung und ehrenden Aufträgen fehlen, und so
  finden wir ihn auch alsbald vollauf beschäftigt. Die auf Befehl
  Sr. Maj. des Königs auSgebaute Schloßkuppel hatte er mit meh-
  reren Apostelstatuen in Sandstein, so wie den Vorhof der Jakobi- 
 
kirche mit der gleichfalls in Sandstein ausgeführten Bildsäule des
  Apostels Jakobus zu schmücken. Als in diese Produktionsperiode ge-
  hörig nennen wir ferner den in Marmor ausgeführten „Bacchus
  als Kind, den Weinstock pflanzend", im Besitz Sr. K. H. des Prin-
  zen von Preußen, so wie die Portraitbüsten der Naturforscher Link
  und des Geographen Ritter. Die in Marmor ausgeführte vortreff-
  liche Portraitbüste des Feldmarschall v. Bohen wurde in Biberich,
  wohin unser Künstler mittlerweile übergesiedelt, vollendet. Hier in
  seiner zweiten Heimath hatte er sich alsbald das unbedingteste Ver-
  trauen und die vollste Zuneigung seines hohen Gönners, des Her-
  zogs von Nassau, erworben und es erschloß sich ihm in künstlerischer
  Beziehung ein Wirkungskreis, wie ihn wenige seiner Fachgenossen
  sich zu verschaffen das Glück haben- Auch seine gesellschaftliche
  Stellung bot ihm die glänzendste Seite dar und er, der durch sein
  offenes Wesen und sein stets heiteres Gemüth die Herzen aller ihm
  Gleichstehenden so schnell gewann, verstand es eben so trefflich, die
  Hoch- und Höchstgestellten sich auf das Innigste zu befreunden.
  
  Wer je am herrlichen Rheinstrom pilgert und das herzogliche
  Schloß in Biberich besucht, das seinen langgestreckten Bau so freund-
  lich in den blauen Wellen spiegelt, der macht auch wohl einen Gang
  in den herzoglichen Park. Hier führt eine große Allee hochstämmi-
  ger, weitgezweigter Ulmen und Kastanien, an üppigen Blumenbeeten
  und rauschenden Kaskaden vorbei, zu einer modernen, im gothischen
  Geschmack aufgeführten Burgruine. Von Epheu überwuchert und
  mit starren, alten Ritterstatuen und Wappenschildern geschmückt, ge-
  währt der seltsame Bau einen malerischen Anblick und ladet zur
  Schau der innern Räume. Aber statt der erwarteten düstern Rüst-
  kammern erblicken wir lichte, hochgewölbte Hallen, und statt der
  obligaten, in halbverrostetes Eisen gesteckten Ritterpuppen sehen wir
  lebende Wesen, frische rührige Gestalten, die da lustig hämmern und
  feilen. Es sind die Gehülsen und Schüler des Meisters Hopsgar-
  lcn, oer yter watter, deleyrenv unv schaffend, der hier mit den Pro-
  dukten seines unermüdlichen Fleißes und fruchtbaren Genie's die
  Räume verherrlicht.
  
  Schon seine ersten in Biberich ausgeführten Arbeiten, die Mar-
  morbüsten des Herzogs und der verstorbenen Herzogin, geb. Groß-
  fürstin von Rußland, fanden eine so günstige Aufnahme, daß sic
  mehrmals wiederholt werden mußten, und die Bestellung des zu
  großein Ruhm gelangten Epitaphs der verstorbenen Herzogin zur
  Folge hatten. Nach seiner Vollendung wurde dies Werk in der als
  Mausoleuni der verstorbenen Herzogin aus dem Neroberge bei Wies-
  baden ncuerbauten, mit fürstlicher Pracht ausgestattcteu griechischen
  Kapelle ausgestellt und erregt noch heute die Bewunderung aller Be-
  sucher. Mag dasselbe auch darin überschätzt werden, daß man es
  vielfach dem unübertrefflichen ähnlichen Meisterwerke Rauch's (dem
  Epitaph der höchstseligen Königin Louise von Preußen) an die Seite
  setzt oder gar über dasselbe erhebt, so nimmt es doch jeden Falles
  einen hohen, nicht leicht erreichten Rang unter den besten neuern
  Erzeugnissen der Skulptur ein. Es brachte dem Künstler nicht nur
  einen weitverbreiteten außergewöhnlichen Ruhm, sondern auch Ehren-
  bezeugungen von Seiten seiner fürstlichen Gönner. Der Herzog von
  Nassau ernannte ihn zum Hofbildhauer und Professor, der Kaiser
  von Rußland verlieh ihm den Stanislausorden 2. Klasse und der
  Großherzog von Oldenburg das Ritterkreuz des Oldenburgischen
  Hausordens. Zur Ausführung obiger Statue in Marmor hatte sich
  Hopfgarten nach Carrara begeben und auf dieser Reise zum zweiten
  Male Rom besucht.
  
  Wir würden den uns gestatteten Raum dieser Blätter über-
  schreiten, wollten wir die vielen durch die rastlose Thätigkeit und
  stauueuswerthe Produktionsfülle unter seiner Hand hervorgegangenen
  Werke einzeln aufzeichnen. Eine Menge Büsten, theils in Gyps ge-
  formt, theils in Marmor ausgesührt, und sowohl hohe fürstliche
  
  Personen, als berühmte Kapazitäten darstellend, — sodann die Mo-
  delle zur „Lorelei", zu einem „Christus" und den „vier Evangelisten",
  und endlich das Modell des Epitaphs deS Fürsten Dpsilanti — sind
  Schöpfungen seines bis zur letzten Zeit ungebrochenen Genius! Um
  das letztere Werk zur Ausführung zu bringen, begab er sich Behufs
  einer Besprechung mit der Familie des heldenmüthigen Fürsten nach
  Paris. Noch war das Modell nicht ganz vollendet, als die ersten
  Symptome einer zerstörenden Krankheit eiutraten und ihn zwangen,
  das Bad Soden bei Frankfurt a. M- zu besuchen. Eine Nachkur
  in Pyrmont sollte seine Gesundheit vollends wiederherstellen, aber
  ein plötzlicher Rückfall nöthigte den sehr Geschwächten, nach Biberich
  zurückzukehren. Hier am 12. August angekommen, verließ er das
  Krankenlager nicht mehr, bis ihn am 12. September der Tod von
  seinen Leiden befreite! — Die Trauerkunde machte überall den
  schmerzlichsten Eindruck, die Kunst hatte einen ihrer besten Jünger,
  die Welt einen edlen Menschen verloren. Alle, die ihm im Leben
  nähergestanden, preisen seine Liebenswürdigkeit, seinen ewig heitern
  Sinn, der selbst die trübsten innern Stimmungen zu versöhnen die
  Kraft hatte. Trotz der größten Uneigennützigkeit und Freigebigkeit
  im geselligen Leben war er ein sparsamer Hanshalter und für die
  Seinigeu mit väterlicher Liebe besorgt. Wohin er kam, war er
  schnell gekannt und schnell geliebt! — In seiner früheren Zeit, na-
  mentlich vor seiner ersten italienischen Reise, beschäftigte er sich viel
  mit dichterischen Versuchen, und manches seiner fröhlichen Lieder lebt
  unter seinen Freunden fort. — Wohl klagen wir mit Recht, daß
  uns das Schicksal den geistreichen Künstler, den edlen Menschen so
  früh entrissen, aber der Sturm, der im hohen Forst die Eichen nie-
  derstürzt, er schont auch des gesegneten Fruchtbaumes nicht, der den
  müden Wanderer erquickt und seinen kühlenden Schatten über ihn
  ausbreitet! 

Marginalien 3

Kaiserin Sisi AK ca. 1890

Bei dem Motiv handelt es sich im eine "Fakenews". Tatsächlich weilte Sisi mindestens zweimal in Wiesbaden, und ritt nachrichtlich auch in Biebrich aus. Dass genau in dem Augenblick bei der Moosburg ein Foto/ eine Zeichnung gemacht werden konnte, ist mehr als unwahrscheinlich. Zumal dieses Sisi-Portrait mit Pferd auf anderen Postkarten mit anderen Hintergründen verwendet wurde.

Eingang Haupthaus Mosburg
mit Rittergrabmalen, die aus dem Kloster Eberbach stammten. Dieses wurde 1806 aufgelöst, und dem neuen Herzogtum Nassau übereignet.
Foto ca. 1900
"In den Magazinen des Schlosses lagen hunderte von Ölbildern aufgestapelt, um versteigert und verkauft zu werden – Bilder jeglicher Art, wenige gute Stücke und massenhaft Schosel, darunter viele Portraits von Äbten.(.) Diese Bilder stammten aus den säkularisierten Klöstern und annektierten Schlössern, auch sie waren durch die Stürme der Revolutionszeit aus ihren Stammsitzen geworfen und zuletzt hier in Magazine zusammengeführt worden."
W.Riehl, "Vor vierzig Jahren" 

Goethe, Mosburg 1814
Brief nach Weimar

"Nach Tafel besah man den Park und eine recht artig angelegte Ritterburg. Von dem Altan ist die Aussicht sehr schön."

Richard Wagner Moosburg 1862
"In einem hinteren Teile (des) Parkes stand an einem Teiche ein altertümlich aussehendes kleines Schlösschen, welches in dem Sinne einer pittoresken Ruine verwendet war (.). Es regte sich in mir der kühne Wunsch, dieses kleine verwitterte Gebäude mir für Lebenszeit zugeteilt wissen zu können.“ 

Das Biebricher Heimatmuseum zog nach 1870 in das inzwischen recht verfallene Gemäuer. Zwei Weltkriege hinterließen aber deutliche Spuren an der Sammlung aus Bildern, alten Kanonenkugeln oder kunstvollen eisernen Öfen.

Erzherzog Carl von Habsburg mit seiner zweiten Gattin und seinen Kindern vor der künstlichen Ruine Laxenburg.
In erster Ehe war er mit Henriette von Nassau verheiratet. Die Schönheit war der Darling der Hofgesellschaft. Carl baute ihr als Leibesbeweis einen Nach-bau ihres Geburtshauses Schloss Weilburg, in der ihr altes Jugendzimmer mit allen Details integriert war.  

Weilburg bei Baden wurde im zweiten Weltkrieg zerstört, und zur echten Ruine. https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Weilburg


Ludwig von Sckell 

Beiträge zur bildenden Gartenkunst 1825 

Passage über Ruinen 

Auch Ruinen werden von guter Wirkung seyn, wenn man sie an Stellen erbaut, wo sie die Natur der Lage erwarten lässt. Allein es ist sehr schwer, sie so erscheinen zu machen, daß sie täuschen und glauben lassen, der Zahn der Zeit, und nicht die Kunst oder andere gewaltsame Ursachen hätten diese Zerstörung hervorgebracht. (.) Beim Erbauen der Ruinensotten daher schon Steine gewählt werden, die 

 

durch die Zeit benagt, Ruinen gleichen, wie z.B. der Tuffstein. Die Mauern müssen auch von solcher Stärke und Dicke sein, dass sowohl die Sprünge wie die anderen Zeichen von Alter und Baufälligkeit ohne Gefahr und nach ihrer erforderlichen Tiefe gleich mitangelegt und ausgedrückt werden können. (.) 

Um aber diese Wahrheit soviel möglich hervorgehend zu machen, so sollte die Anlage einer künstlichen Ruine nach einem bestimmten Plane ausgeführt werden, und die ruinierten Teile durch eine zweifache Verfahrungsart hervortreten, nämlich: Es brauchen jene großen, durch 

die zu neu erscheinen durch einen eisernen Schlegel nach Angaben des Künstlers nach den angemessenen Standpunkten ruinieren lässt. (.) Man glaubt oft in der Nähe mit einer viel zu kühnen Hand zerstört zu haben, während die Zerstörung von dem eigentlichen Gesichtspunkte aus gesehen, ins kleinliche fallen. (.) Davon hat mich die Erfahrung beim Erbauen der Ruinen im Garten zu Schwetzigen (.) vollkommen überzeugt. 

Foto: Ruine Schwetzingen 1784 von Sckell nach einem Entwurf von Piage

Strecke 3

Von Zischel zur Neuen Orangerie

Drei Jahrhunderte baumstarke Geschichten

Im nicht mehr vorhandenen Zischel befindet sich als Solitär eine ältere Zeder. Sie hat sich mehr zufällig erhalten. Wenn man aber nur einige Meter weiter Richtung Schloss auf den links neben der Dicken Allee befindlichen Spazierweg geht, entdeckt man ein blaues Schild, das auf eine Libanonzeder aufmerksam macht. Im Sommer von den Kollegen mit Grünzeug abgedeckt, zeigt sich im Winter die Silhouhette des Baumes deutlicher. 

https://www.wiesbadener-kurier.de/lokales/wiesbaden/stadtteile-wiesbaden/biebrich/herzensbaume-die-libanonzeder-im-biebricher-schlosspark_20362230 
 
Die Zeder des Libanon
von Elke Baade
 
BIEBRICH – (…) Begleitet von Parkleiter Eike Schwarz und kreischenden Sittichen zieht’s mich jetzt zur Libanonzeder rechts am Ende der Dicken Allee. Vor Jahren habe ich sie entdeckt, wäre wohl an ihr vorbeigelaufen, hätte ich nicht das Schild am Fuß ihres Stamms gesehen. (…) Vermutlich 1828 gepflanzt, war zu lesen, mit dem Hinweis des einstigen Parkgestalters Friedrich Ludwig von Sckell, dass die „Ceder von Libanon“ als Königin der Bäume gilt und deren Holz auch zum Bau von König Salomos Tempel verwendet wurde. Und: „Aus diesem Holze fertigte man auch die Brautbettstätten als Symbol der Reinlichkeit und der Dauer.“ So hat Sckell es jedenfalls 1818 in einem Beitrag zur bildenden Gartenkunst geschrieben. 
Vorbeigelaufen wäre ich fast, weil man auf Augenhöhe nur einen hohen, sehr aufrecht gewachsenen Baumstamm sieht, mit Beulen alter Astansätze und einer sich leicht schuppenden, schwarzgrauen Borke. Ihre ganze Schönheit offenbart unsere Libanonzeder erst ab etwa zehn Metern Höhe, wo die untersten Äste beginnen. Von da an aber wachsen sie in alle Richtungen, teils fast waagrecht, bis zur breiten, flachen Krone. Ich hätte ein Fernglas mitbringen sollen, sind doch die dunkelgrünen Nadeln und die Zapfen weit weg. „Früher war weniger Himmel“, sagt Eike Schwarz nachdenklich beim Blick nach oben Richtung Krone. Und spricht über die durch Trockenheit schütter gewordene Benadelung, die einstigen typischen „Etagen“-Seitenäste, die der Baum im Lauf der Jahre „aufgegeben“ habe, weil er von Kastanien bedrängt und beschattet gewesen sei. Und eine Rosskastanie war es auch, die 2014 mit voller Wucht auf den Baum krachte, ihm im Kronenbereich mehrere Äste weggeschlagen hat. Die arme Zeder: Direkt vor ihr steht der tote Torso der Kastanie wie ein Mahnmal, für viele Spaziergänger ein Schandfleck. Aber: Er dient dem Artenschutz, leistet gute Dienste für Vögel, Käfer, Kleinstinsekten, trägt deshalb auch das Schild „Habitatbaum“, erklärt mir Eike Schwarz. Zum Abschied zeigt er mir noch die kleine, vor zwei Jahren gepflanzte Blaue Atlaszeder nahe der Mosburg. Wir reiben und schnuppern an den blaugrauen Nadeln, mit mäßigem Erfolg, es war wohl zu nass. 

  

DAS SAGT DER EXPERTE
 
 Eike Schwarz, Landschaftsarchitekt und Leiter des Schlossparks: „Die Libanonzeder ist in altersgemäß gutem Zustand. Zweimal im Jahr wird sie von unseren Mitarbeitern und einer Fremdfirma begutachtet, von den Wurzeln über den Stamm bis in die Krone, wenn nötig, in der Höhe auch mit dem Steiger. Darüber hinaus haben wir bei Verdacht auf eine Schädigung diverse Möglichkeiten, etwa die Restwandstärke des Stamms zu messen oder eine Ultraschallprüfung zu machen. Die Trockenheit hat der Baum relativ gut überstanden, und er ist frei von Schädlingen. Die winzigen Löcher in der Borke stammen von Insekten, die im abgestorbenen Rindenbereich leben. Den Natur- und Artenschutz sowie das von Sckell erdachte Parkbild zu erhalten, liegt uns sehr am Herzen. Im Zuge der Klimaerwärmung wird dies allerdings mit früher gut funktionierenden Baumarten, gerade direkt am Rhein, immer schwieriger. Deshalb beobachte ich intensiv im Park und in der Fachliteratur, welche Bäume in Zukunft eine Chance haben und entscheide dann im Sinn der Sckell’schen Parkgestaltung, welche Bäume nachgepflanzt werden.
 
 Libanonzeder, Cedrus libani, Familie der Kieferngewächse.
 
 Heimat Libanon (Nationalsymbol), Türkei und Naher Osten; kann dort 800 bis 1000 Jahre alt werden. Gelangte schon 1638 nach Europa, gedeiht hier in gemäßigtem Klima. Höhe am Naturstandort bis 50 Meter, meist mehrstämmig mit hoch aufragenden Hauptästen und schirmförmigen Etagen fast waagerechter Äste. Der um 1828 gepflanzter Baum ist 28 Meter hoch, Umfang 3,68 Meter, Durchmesser 1,19 Meter. Weibliche Blütenstände bringen violettgrüne, ca. 10 cm lange Zapfen hervor, männliche Zapfen ca. 5 cm lang und blassgrün. Immergrüner Baum mit dunkelgrünen Nadeln in Büscheln. Kommt gut mit Hitze, Luft- und Bodentrockenheit zurecht. Der hohe Anteil ätherischer Öle sorgt für angenehmen Duft und lange Haltbarkeit des Holzes. 

 

Nicht zu verwechseln sind solche Naturstaffagen von diesem Kastanienbaum. Er bedarf tatsächlich einer Stütze, damit der große Seitenast nicht abbricht. Solche Baumdinosauerier können in einem Verzeichnis als "Naturdenkmäler" geschützt werden. Die ist bei Kastanien oft der Fall, aber gerne auch bei Linden, die in einem Dorfzentrum stehen, und eventuell als Tanzüberdachung gezogen wurden. 

Echte Fans hoher Bäume sind neben vermutlich den Eichhörnchen vor allem die Alexandersittiche. Die Platanen aus der Wilhelmstrasse dienen diesen gesellig lebenden Vögeln abends als Schlafplatz, Tagsüber fliegen sie ins Nerotal oder in den Biebricher Schlosspark ins frische Lüftchen. Wie die inzwischen am ganzen Rheingraben vertretenen Nilgänse handelt es sich um eine invasive Tierart. Optisch ein echter Hingucker mit ihrem kreischgrün-blau schimmerndem Gefieder begeistert der Sittiche weniger durch sein schrilles Gekreische und natürlich ihren fäkalischen Hinterlassenschaften.

Bericht 2012 WK/TB über Sittiche in Wiesbaden https://www.youtube.com/watch?v=bDxM78a-5Gc

Marginalien 4

Ludwig Sckell überließ wie man hier auf einer seiner Skizzen sehen kann hinsichtlich von Bäumen und Gehölz nichts dem Zufall.
"Bei einzel stehenden Bäumen wünsche ich mehr die Auswahl auf kräftige Baumarten als auf Robinen fallen zu sehen. Alle Platanus, u. Aceres Arten. (.) auch hie und da eine Hainbuche verdienen nebenst Eichen(.) den Vorzug," 1822

Im "Parkpflegewerk" für den Biebricher Schlosspark gibt es ein durchnummeriertes Baumverzeichnis.
Sckell hatte etwa 196 Baumarten für den Park einkaufen lassen. Vor allem durch die blütenreiche Exotisierung mit Gesträuchen fanden man um 1984 nur noch etwa 90 Sorten vor.

Für das Anlegen der Spazierwege wendete Sckell immer ein besonderes System an. Man solle mit einem Stab an der Hand nachzeichnen, welchen Weg man automatisch durch ein Gelände geht, den eigenen Blicken folgend.

Diese Esskastanie bei Pomologischen Park ist eine Neupflanzung. Bei der Sanierung ist man bedacht vor allem europäische Bäume zu platzieren. Allerdings erweisen sich Zedern und Mammubäume gut geeignet für den Klimawandel. Die sogenannte "Kübelkultur" von Palmen aus barocker Zeit wird an geeigneter Stelle (Nordeingang, Schloßvorplatz) beibehalten. 

Station 3

Neue Orangerie und pomologischer Garten- Nimm Obst Baby!

Auch wenn das Erbauungsjahr 1840 fern scheint handelt es sich bei der jetzt vorhandenen Orangerie um einen "Neubau". Zu jedem repräsentativen Schloss gehören immer einfache Nutzbauten, wenn sich im eigentlichen Korpus nicht alle Funktionen für den Betrieb unterbringen lassen. Schon als es nur die beiden Gartenpavillons gab, mussten im Dorf Biebrich Gebäudekomplexe wie der Karpfenhof dazu gekauft werden. Fürst Samuel von Nassau-Idstein gab gerne Empfänge und Feiern am Rheinufer. Dazu brauchte er entsprechendes „Catering“. Und die Küche benutzte nicht nur angelieferte Lebensmittel, sondern besaß einen kleinen Küchengarten mit Kräutern. Zur Deko wurden auch Schnittblumen angepflanzt. Dieser erste Garten befand sich auf der Westseite vom Schloss. (Zeichnung unten ca. 1775)

Auf den Plänen ist der Küchengarten dort noch bis zirka 1806 nachweisbar. Aber 1828 war er an der Ostmauer des Schlossparkes angelegt. Und wie man sehen kann wurden auch erste Gewächshäuser errichtet, die den Grundstock zu den nachfolgenden großen Glashäusern bilden sollten. (Zeichnung unten ca. 1827)

Aber eben nicht nur der Küchengarten wanderte im Park umher, eben auch die unter Welsch konzipierte erste Orangerie. Der Architekt hatte sich für den nördlichen Schlossgarten, der von zwei l-förmlig angewinkelten Wassergräben eingefasst war, eine zweiflüglige Bebauung mit zwei gebogenen Orangerie-Gebäuden vorgestellt. (Zeichnung unten Rekonstruktion)

Tatsächlich konnte aus verschiedenen Gründen nur der eine Flügel realisiert werden. Wie es dort aussah kann man in dem Wiesbadener Kurtagebuch von Ludwig Friedrich Schmid nachlesen. Er und Bekannte beschlossen 1765 eine Landpartie ans Rheinufer zu unternehmen.

Vignette: Karl von Nassau- Idstein (Regent 1733-1775)

Wer an seinem Schöpfer sündiget ...
Ludwig Friedrich Christoph Schmid über seinen Kuraufenthalt 1765 in 

Über Tisch wurde auf der Frau von Recklingshausen Vorschlag eine Spazierfahrt nach Biberich, ¾ Stunden von hier,beschlossen und von der ganzen Gesellschaft in 3 Kutschen sogleich um 4 Uhr ausgeführt. Wir fanden den nassauischen Hofstatt allda wegen Anwesenheit des Churfürsten von Maynz in großer Gala. 
Es wurde in dem großen Orangeriehaus die Tragödie „Die chinesische Waise“ von der Porstischen Bande vor den Hof vorgestellt, den wir mit ansahen.
Wir wurden von dem Herrn Hofmarschall von Specht und Oberforstmeister von Lasberg sehr gnädig aufgenommen, mit Lehnstühlen versehen und mit Limonade und Mandelmilch bewirtet. 

Der Fürst von Karl Nassau-Usingen ist etliche 50 Jahr alt, mittlerer Größe, dick, roth und unfreundlich im Gesicht. Er hatte ein röthliches, silbernen Blumen durchwirktes Kleid an. Als ein guter Hauswirth stund er öfters unter dem Trauerspiel auf, ging selbst an den Schenktisch, bestellte alles, sah nach der Tafel. Er ließ unseren Namen und Stand fragen und machte darauf ein ganz freundliches Kompliment. 
Die Frau Erbprinzessin Caroline Felicitas ist eine geborene Gräfin von Leiningen, und eine der schönsten Personen ihres Geschlechts, groß, fein gewachsen, vonder angenehmsten leutseligsten Bildung. Sie war in Trauer gekleidet (Mutter gestorben).
Ihr Gemahl der Erbprinz ist unter seinem Geschlecht was seine Gemahling bey den Frauenzimmern ist, sehr liebenswürdig, wohlgestalt, freundlich, lebhaft.
Der Churfürst von Maynz Emmerich Josef Freiherr von Breidbach-Bürresheim ist etwa 50 Jahr alt, groß, dick, sehr roth im Gesicht mit einer dunkelblauen Nase und Domherrenmiene. Es war blau gekleidet, mit silbernen Tressen, schmal bordiert. Es ist besonders, dass der gelbe Rheinwein rothe Backen und blaue Nasen färbt! Dergleichen Farbzeug gibt es nicht in der Welt!
Der Hofstaat ist nicht sehr groß, doch alles niedlich und wohlgekleidet.

Der Garten ist schön, nach ganz neuem Geschmack angeleget und mit einem Wasserfall gezieret. 

Medaillions an einem erhaltenen Damenarmband gräfliches Haus von Teck. Herzog Kal August Nassau-Usingen (Regent 1775-1803). Unteres Bild seine Gemahlin Caroline Felicitas (gest. 1810). 

Während der neue Gartenteil an der Ostseite von einer kleinen Orangerie (1806) sich langsam zu einem reinen Schaugarten mit Glashäusern und exotischen Pflanzen wandelte, entstand auf der gegenüber liegenden Seite ein von Bäumen und Büschen ein Nutzgarten. In der schlichten Neuen Orangerie werden auch heute noch die Kübelkulturen im Winter untergestellt. Grade saniert sind die Frühbeete in verschiedenen Höhen gehalten je nachdem, was in ihnen vorgezogen wird. Auf der Zeichnung unten gut zuerkennen der pomologische Garten. Biebrich und sein Umfeld am Rhein war bekannt für seine Obstgärten. Im frühen neunzehnten Jahrhundert bildeten sich auch ín ganz Deutschland Gesellschaften und Vereine, die sich der "Pomologie" verschrieben. In Nassau, bekannt für seinen "Äppelwoi", hatte man entsprechend Interesse auch von Regierungsseite her, dass Forschung zu diesem Thema getrieben wurde. Wobei die gegründeten Anstalten im Wiesbadener Stadtgebiet wie die alte und neue auf dem Geisberg und das Institut Fresenius sich als besonders erfolgreich erwiesen. Im Bierbricher Schlosspark vermietete man bis vor einigen Jahren das Gelände an eine private Gärtnerei mit seinem Nutzpflanzenmix. 

Die Parkrekonstruktion ermöglichte den Wiederaufbau der pomologischen Anlage. Dort sind auch einige Büsche mit Johannisbeeren angepflanzt. Und es gibt Bienenstöcke, die obstigen Honig erzeugen. Es steht eine Messtation für Staubniederschlag zu Forschungszwecken  zur Verfügung. Drei Plamen sind in die Erde gepflanzt bei denen einige Beerenbüsche stehen. Für Schmetterlinge ist unter einem Baum ein Blütenbüffet angelegt worden. Die alte Wasserpumpe könnte reaktiviert werden.Und die beiden schuppenartigen Nebengebäude harren ihrer Wiederherstellung. Da ist an erster Stelle das Ananasgewächshaus zu nennen. (Text Ananashaus weiter unten)

Die königliche Ananas

Noch nicht saniert: Das Ananashaus bei der Neuen Orangerie im Biebricher Schlosspark. Es liegt direkt beim Seiteneingang "Am Parkfeld". 

Bauplan aus einer englischen Gartenzeitschrift um 1820 für ein Ananashaus. Das Gebäude in Biebrich scheint fast baugleich.

Um Wärme für die Pflanzenzucht zu erzeugen, wandte man damals auch "Bioenergie" an. Die Abwärme im Schweinestall diente wie man hier auf einer Zeichnung sieht als "Heizung" für Pflanzen.

Die Ananas: Im Barock war das Züchten von Ananas ein hochherrschaftliches Hobby vor allem von Königen. Bis man diese Früchte in Europa heimisch machen konnte, wurde Jahrzehnte an Methoden zur Aufzucht geforscht. Zwar ist es auch für den Laien möglich den grünen Strunk zu einer Pflanze zu ziehen. Aber vom Zyklus muss das Gewächs 2 Winter bei bestimmter Düngung überleben, damit es dann vielleicht eine (1!) Frucht hervorbringt.

Aus der neuen Welt nach Europa

Trio von Mamutbäumen 

Groß, mächtig, uralt: Mammutbäume. Die aus den Amerika stammenden Gewächsriesen sind die Giganten des Waldes. In die europäischen Gärten gelangt wurden sie dort gerne als Solitäre, oder in kleinen Gruppen eingepflanzt. Auch im Biebricher Schlosspark wurden drei Exemplare neben die neue Orangerie gesetzt. 

Skizze: Parkpflegewerk 1985


Der Stammumfang auf Brusthöhe beträgt etwa 2,40m. Damit zählt das Trio sicher zu den größten Exemplaren in Deutschland. In der Liste der hessischen Mammutbäume ist noch ein größerer Baum in Wiesbaden in der Fasanerie aufgeführt.

Bei "Poesie im Park" (PiP) wird die Wiese unter den drei Mammutbäumen zur kleinen Arena für die Bühenacts. Erst durch den Vergleich mit Leuten kann man die Größe der Bäume besser einschätzen.

Marginalien 5

Poesie im Park/ PiP

Seit einiger Zeit findet am zweiten Augustwochenende "Poesie im Park- Eine ArtFestival" statt. Rund um die Neue Orangerie und auf der Talwiese tummelt sich ein buntes Völkchen. Auf der Bühne bei den Mammutbäumen gibt es Musik, Lesung, Performance. KunstWerke (KUNSTRasen) sind auf dem Rasen der großen Wiese zu bestaunen. In manchem Eck unter Bäumen, am Mosbach und bei der Großen Platane finden kleine Aufführungen statt.

https://poesie-im-park.de/

Biebricher Schloss Park Führung

2019 hatte die Exkursion ihre Premiere im Rahmen von PiP. Das Konzept dieser Tour durch den Schlosspark beinhaltet, dass zu den faktischen Erklärungen eine Vielzahl von Lyrik, Anekdoten, Briefen und andere Textsorten kommen, die sich auf die Location beziehen.
Seit 2020 konnte die Tour nur noch als Online-Projekt stattfinden. Es wurde im Rahmen eines Brückenstipendiums vom HMWK gefördert.

In der Mitte: Kathrin Schwedler erklärt warum man von den gigantischen Gewächshäusern des Biedermeiers leider nichts mehr sieht.

Wasser-Spiele Schloss Biebrich

Wassergräben, Brunnen, Kaskaden, Teiche, Fontainen 

Barockgarten mit zwei Kaskadenbrunnen

Wassergräben

Skizze Sckell: Umbau Wassergräben zu Teich

Mosbachteich

Mosbachteich und Zulauf Zischel

Zischel

Fontaine 1833

Zitat Fontaine 1856

Fontaine und orientalischer Pavillon 1854

Gewächsthäuser Vorplatz Springbrunnen

 Fontaine stark umwachsen

Situation Prinzessinnenteich und Fontaine um 1910

Schloss ca. 1957 ohne Fontaine und Kaskaden

Reste Fontaine Fontaine 1985

Neueinweihung Fontaine 1995

Station 4

Gewächshäuser und Bunker

Unsichtbare Weltsensationen

Gewächhäuser Schlosspark Biebrich Innenansicht

Gewächshaus-Ausstellung 

Experte für Exoten: Thelemann

Gewächshäuser Innenansicht

Gewächshäuser Bauskizze

Gewächshäuser 1850

Gewächshäuser Innenansicht

Liste Pflanzenbestand 1834

Marginalien 6

Palmengarten zu verkaufen!

Die Preussen waren schuld! Oder doch die Biebricher und Wiesbadener Bürger, die nach der Niederlage von 1866 von ihrem entmachteten Herzog kein wirkliches Interesse am Ausverkauf der Biebricher Gewächshäuser hatten? 

Gärtner Siessmeyer in Frankfurt erkannte den städtebaulichen Wert der Nassauischen Pflanzensammlung. Er hatte mehrfach bei Ausstellungen Preise für seine Planzarrangements erhalten. 
Wegen der Anreise tausender Besucher nach Biebrich hatte die Bahn Sonderzüge einrichten müssen. 

Strecke 5

Ostallee, Gartenanalage vor dem Schloß

Vom Gartenhäuschen zur Nassauischen Residenz 

Ostallee und Westallee

Auch um für das Barockschloss zwei symmetrische Alleen anlegen zu können, musste das zum Ufer hin abfallende Gelände aufgeschüttet und planiert werden. Noch um 1806 (Skizze unten) waren die beiden als schattige Flaniermeilen angelegten Wege erhalten, während die ehemaligen gezirkelten Rabatten schon zu sich "natürlich" schlängelnden Wegen umgearbeitet waren. In der Mitte die Große Fontaine und die im Schlosshof postionierten zwei Kaskadenbrunnen. Wie auch die brüderlichen Fürsten von Nassau-Usingen hat man sich bei der Rekonstruktion entschieden sowohl die barocken als auch die des englischen Parks sinnvoll miteinander zu wirken. Wenn man sich auf eine der stattlichen weißen barockisierten Sitzbänke in den beiden Alleen niederlässt, dann kann man sich vorstellen, wie die Damen des Hofes mit ihren Reifröcken, und die Gentleman im Rokokogewand mit Zierdegen hier um 1760 spaziert sind. 

Cour d'honneur! Im Hof bei Hof

Jeder, der barocke Schlösser kennt, muss sich über die Ausrichtung vom Biebricher Schloss wundern. Das Gebäude steht nämlich falsch herum! Bei einer repräsentativen Residenz betritt man das Gelände nämlich an sich durch den "Court d'honneur". In dieses Entree fahren die Kutschen der Gäste vor, eine möglichst imposante Treppe weist ein Plateau zum Haupteingang auf. Dort wartet der Hausbesitzer, zu dem die Besucher hinauf steigen müssen. Dies Konzept war an sich auch durch das Anlegen der Dicken Allee in Bierbrich gegegben. 
Doch eventuell der längere Baustopp ab 1745 und der sich ändernde Baugeschmack führten offenbar dazu, dass das Interesse über eine große mittelachsige Chaussee auf das Schloss zu fahren erlahmte. Dagegen wurde die Hauptstraße von Biebrich immer aufwendiger gepflastert, die schnurgrade an der Gartenmauer des Parks vorüber führte. Vorgefahren wurde durch ein schmiedeeisernes Tor auf der Höhe Karpfenhof. Auf dieser Seite befanden sich auch der Marstall. 

Auf historischen Ansichtskarten kann man nachvollziehen, wie sich die Geschmäcker des jeweiligen Gartenpersonals auswirkt. Nach der Abdankung von Fürst Adolf, und vor allem nach dem Verkauf des Schlosses an den Preussischen Staat 1934 kümmerte sich nur noch eine kleine Schar von Angestellten um das Gebäude, das Zusehens verfiel. Die bröckelnden Fassaden, und die Kriegsschäden 1945 ließen sich aber kaum mit ein paar Tulpen oder Geranien kaschieren.

Baugeschichte von Schloss Biebrich 

Vereinfachte Skizze der Entwicklung von Gartenhaus zu zwei Gartenhäusern. Dann Bau eines Zentralhauses mit zwei Kolonaden. Errichtung der Rotunde. Ausbau zuerst vom Westflügel. Parallel Ausbau des Ostflügels als Marstall. 

Die frühste erhaltene Darstellung vom Schloss ist eine Illustration aus dem Buch "Poetische Beschreibung der unvergleichlichen und überaus anmuthigen  Daniel W. Triller Lage des prächtigen Hochfürstl. Nassauischen Lust-Schlosses-Bieberich, am Rheinstrom, unweit Mainz"(1737).

Abgesehen davon, dass Trillers Objektbeschreibung in gereimten Versen daherkommt, hat der Autor auch einige Mühe nicht nur die aktuellen Bauten zu beschreiben, sondern versucht auch die schon wieder beseitigten Bauten zu beschreibe. Die zweiflüglige Anlage einer Orangerie (s. Plan oben) wurde nur halb gebaut, und dann wieder abgerissen, um als Baumaterial für den Ostflügel zu dienen. (Exzerpte von Trillers Hymnus unter Marginalien 5)

Über den jeweiligen Stand des Ausbaus geben einige Kriegskarten Auskunft. von den früheren Unterlagen sind vor allem Quittungen und Rechnungen erhalten, aus denen man schlussfolgern kann, was tatsächlich realisiert wurde. Aufmarschpläne weisenwegen ihrer Funktion eine ziemliche Genauigkeit auf. Das obige Blatt entstand 1743 als König George nach seiner erfolgreichen Schlacht bei Dettelbach/Main sich auf dem Rückzug befand. Was sich an Franzosen samt Verbündeter noch um Mainz befand, war schon auf dem Rückzug. Anekdotisches dazu unter Marginalien.

Der Baukörper vom Schloss war ab 1745 als zweiflüglige Anlage abgeschlossen und entsprach dem Status als Residenz. Der Tod von Georg August von Nassau-Idstein 1721 und die Regentschaft seiner Frau Charlotte Amalie für die hinterbliebenen Söhne stoppten größere Pläne. Aber als Karl von Nassau-Usingen die Regentschaft übernahm, erklärte er Bierich 1844 zu einem Stammsitz. Dessen beide Söhne prägten bis 1816 den Ausbau des Parks. 
Die einzelnen nassauischen Herrschersitze wie Idstein, Weilburg, Hachenburg, Bolanden, Saarbrücken oder Usingen hatten bautechnisch nie einen architektonischen Signalwert. Oft wurden sie früh einer bürgerlichen Nutzung wie Schule zugeordnet.

Am meisten verändert wurde über die Jahrhunderte die zur Rheinfassade liegende Front verändert. Diese Seite lag direkt an der Landstraße zum Rheingau. Der Uferweg war immer ein öffentlicher. Das Bild von 1775 zeigt sowohl den Verkehrsfluss, als auch die durch Wachen gesicherten Vorgänge beim Schloss. Baulich fehlte die 1817 erbaute Paradetreppe bei der Rotunde. Die Wachhäuschen verströmten Kasernenhofatmosphäre.  

Nach 1814 wurde die Front mit Pflanzen angehübscht. Es kamen in der Zeit einfach zu viele noble Gäste auf eine Stippvisite wie der Habsburger Kaiser Franz, der Schwiegerpapa von Henriette von Nassau-Weilburg. 

Nach 1866 befand sich das Schloss zwar noch im Besitz der nunmehrigen Herzogfamilie vom Luxemburg, aber finanziell immer klamm, verkaufte man laufend verbliebene Immobilien und auch viel der stattlichen Möblierungen. Das Inventar von Schloss Platte wurde als erstes verauktioniert. Auch das Geschenk einer Tischuhr von Napoleon wechselte den Besitzer.

Text Karl Korn

Schloss Biebrich wurde offenbar wegen seiner Bedeutung als Ex-Residenz noch bis 1934 erhalten. Wobei Herzog Adolph nach seiner Abdankung zugunsten seines Sohnes seinen Lebensabend im bayerischen Hohenburg auf dem 1870 erworbenen Schloss Lengriess beschloss. 1905 wurde er dort beerdigt, und kehrte erst 1953 als Leiche in die Nassauische Gruft Schloss Weilheim zurück. Seine Witwe Adelheit verließ Luxemburg, um in Königstein zu wohnen. Einem damaligen In-Place für adelige ältere Damen. 

Etliche Zeitzeugen haben den abbröselnden Prozess von Schlkoss Biebrich ab 1866 beschrieben. Einige Zitate davon unter "Marginalien 5". Zuletzt versetzte der zweite Weltkrieg dem einstiegen Fürstensitz mit einem Volltreffer im Ostflügel heftig zu (Bild oben 1952). Zuletzt gab es mit den Besatzern und der Stadt Wiesbaden ständig Briefverkehr vor allem über den Vandalismus von Kriegsflüchtlinge. Diese hatten 1945 Parkette und Holzdecken im Winter zum heizen genutzt. Rätselhaft Fotos eines Restaurants im West-Flügel, das "Reistafel" hieß.

Das Luftbild zeigt den Zustand 1966. Der Ostflügel wurde abgerissen uns als Parkplatz benutzt. Mit dem Besitzewechsel 1968 war das Land Hessen nun Eigentümerin der Immobilie. 1982 war der Wiederaufbau des Westflügels vollendet. Neben den Behörden zum Hessischen Denkmalsschutz zogen Institutionen der deutschen Filmwirtschaft ein. Die repräsentativen Räume wurden auch sukzessive saniert. Sie dienen der Hessischen Regierung für Festakte. Ab und zu gibt es kulturelle öffentliche Veranstaltungen. Mit dem Standesamt und einer Gaststätte in der Rotunde werden hier Hochzeiten festlich gefeiert. 

Geschichten rund ums Schloss Biebrich um 1813

Karte von Biebrich um 1819

Unsere liebe Heimat im Wandel der Zeit 

Georg Kraus 1922, S. 26/27 

Alt-Biebrich um 1816 

Verweilen wir in Gedanken einige Stunden in Alt-Biebrich. Wir stehen um Ufer des Rheines, vor der „Wirtschaft zur Krone“. Vom Rheingau herauf kommt das „Marktschiff“, das nach Mainz fährt, um dort Waren zu landen, die es dann nach Biebrich und den anderen Rheinorten verbringt. Sehr kräftige Pferde, die auf dem „Leinpfad“ geführt werden, ziehen an einem starken Tau das Schiff rheinaufwärts. Ein mächtiges Floß führt Bauholz nach den Niederlanden. Schiffe mit vollen Segeln fahren teilweise abwärts, teilweise aufwärts; Dampfboote sind noch unbekannt. Vor den „Gasthof zum Schwanen“(.) hat der Hof-Fischer Keil von Biebrich, dessen Familie schon Jahrzehnte lang das Hof-Fischerrecht besitzt, sein Netz ausgeworfen, er soll heute Abend noch eine große Menge Fisch in die Hofküche liefern. Aus dem Schlosstor kommt gerade der mit 6 prächtigen Pferden bespannte Hofwagen, der den Fürsten Friedrich August zu Nassau fahren soll. Auf dem Bock sitzt der äußerst fahrkundige russische Rosselenker, während auf der Rückseite die beiden „Heiducken“(Diener) mit verschränkten Armen stehen. Vor dem Wagen eilen die beiden Läufer her, der eine auf der rechten, der andere auf der linken Straßenseite. Mit ihren kleinen Peitschen treiben sie die Hunde aus dem Wege und weisen Fußgänger und Fuhrwerke an, dem Hofwagen Platz zu machen. Neben der Hauptauffahrt zum Schloss finden sich zum Feierabend ein paar alte Leute vom Hofgesinde zusammen. Sie sitzen auf der „Lästerbank“, weil man von hier aus die Aus- und eingehenden bequem beobachten und bekritteln kann. (.) Durch den Torbogen am „Wandersmann“, der die Rheinstraße überwölbt, kommt der Kuhhirte mit seiner Herde, die er auf der „Kleinau“ bei der heutigen Kurfüstenmühle auf die Weide getrieben. Nach dem Kuhhirten kommt der Schweinehirt, er hat die Schweine der Biebricher Einwohner am Landgraben (.) geweidet. Die Sonne ist unterdeß hinter den Taunusbergen verschwunden, über dem Rhein lagern sich die Nebel der Nacht. Durch die Gassen des Ortes schreitet der Nachtwächter mit brennender Laterne, mit Spieß und Horn ausgerüstet. Er muss immer die Laternen angezündet halten, denn in den Gassen ist es stichdunkel. (.) Ganz Biebrich liegt im tiefen Schlaf. 

Doch horch, was ist das für ein Geräusch vom Rheine her? Geheimnisvoll und bedächtig nähert sich im Dunkeln der Nacht ein großer Nachen dem Ufer. Er ist mit mehreren Personen bemannt. Brubecker, der bekannte Schuggleranführer und einige seiner Bande haben darin Platz genommen. Lautlos rudern sie der Stelle zu, wo hart am Rheinufer (.) vier stattliche Gebäude stehen: Das Gasthaus zum Schwanen, das Neudorffsche Haus, das Warenhaus von Dieffenbach und das Brau- und Gasthaus zum Wandersmann. (.) Schnell wird Kaffee, Reis, Mehl, Öl und Zucker ausgeladen. (.) Dabei winkt ein gutes Geschäft. Wohl hat der Mann der Ordnung den ganzen Vorgang am ´Rheinufer beobachtet, aber das Auge des Gesetzes schläft. Einige Pfund Kaffee und Zucker und mehrere Päckchen Tabak und eine Falsche Brandwein sind der Lohn für das „Nichtsehen“! 

Station 5

Biebricher Rheinufer

Biebricher Ufer 1923

Yacht des Trierer Fürstbischof

Hafen ca. 1850 mit Yacht

Schloßfront Knaus 1846

Ich sehe was, was du nicht siehst

Der herzogliche Hafen

Wie es der Plan um 1750 zeigt gab es im Fischerdorf Biebrich an sich keinen ausgebauten Hafen. Was Handel und Wandel auf dem Rhein anging, hatte das Dörfchen nicht annähernd das Kaliber vom kurfüstlichen Mainz gegenüber. Als militärischer Brückenkopf diente das Schloss und seine Umgebung immer wieder eine strategische Rolle. Nicht nur King George II nutzte 1743 die Rheininseln aus, um mit dort errichteten Schiffsbrücken den meist französischen Besatzern von Mombach her auf den Leib zu rücken. 

Kein Bild von der einprägsamen Front von Schloss Biebrich kommt ohne Schiffe aus. Schon weil sie sich mit ihrer Architektur wunderbar als Staffage auf einem Gemälde eignen. Das Aquarell unten (https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/oa/id/303) zeigt eine Szenerie aus dem Jahr 1800. Vor dem Bau das Sicherungskai mit seiner auch heute noch charakteristischen Platanenallee.  Als Ausstieg sind zwei gemauerte Treppenaufgänge mit größeren Nachen sichtbar. Hier starteten offenbar die herzoglichen Bootspartien. Und an dieser Stelle legten immer auch hochherrschaftliche Gäste wie Könige/innen, Kaiser/innen, Zaren/innen an, für die dann allerdings ein repräsentativer und festlich geschmückter Bootssteg angelegt wurde.  

Statt eines Hafens gab und gibt es in Biebrich nur eine Rampe, wo die Boote zu Wasser gelassen wurden. Die erkennbare Häuserzeile von Biebrich mit Gärten zum Rhein hin, wurde in den späten 1830iger Jahren niedergelegt. Damit wurde die zweite Reihe zur am Strom liegende "Rheinstrasse", die man heute kennt.

Heimlich, still und leise

Der Rhein als Schmuggelpfad

 

Deutschland bestand bekanntlich aus vielen Kleinstaaten. Und unter Napoleon wurden politisch neue Grenzlinien gezogen. Das Haus Nassau verlor zwar Satelitenteile ihres Staates wie Saarbrücken oder Bolanden. Aber zum Herzogtum nobiliert bekam man den Rheingau bis rüber nach Kostheim Ersatz (heutige AKK-Stadtteile"). 
 Zu den ungewöhnlichen Beutestücken zählten die fürstbischöflichen Yachten aus Trier. Napoleon säkularisierte alle von ihm eroberten Kirchenstaaten. Im Ausschlachten auch von Mobilien war man da nicht zimperlich. Sogar die Rittergrabmäler aus Kloster Eberbach wurden bekanntlich als Deko in der Mosburg verbaut. 


 Was den Zoll anging, war Mainz als Teil der linksrheinischen Republik Ausland. Und blieb es auch noch, nachdem die Franzosen 1814 geschlagen waren. Eine Steilvorlage für geschickte Schmuggler. Denn die damals noch existierenden drei Auen vor Biebrich, waren ideal um mit schlauen Bootsmanövern beiderlei Grenztruppen zu narren. 
 Der nachmalige Volkskundler Wilhelm Heinrich Riehl, als Sohn eines leitenden Hofangestellten 1823 im Karpfenhof geboren, schildert in seiner Novelle "Seines Vaters Sohn" amüsant wie der legendäre Jakob Brubecher sein Spiel unterstützt von verbündeten Biebrichern mit der Obrigkeit trieb.